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Aufbruch


Heute am späten Nachmittag soll unsere große E-Bike-Expedition endlich losgehen. Tanja und ich springen noch den ganzen Tag durchs Haus, um die restlichen Arbeiten zu erledigen. „Wir müssen konzentriert bleiben. Jetzt in der Eile auf der Treppe auszurutschen und sich den Fuß zu verstauchen oder ein anderes durch Stress verursachtes Unglück können wir nicht gebrauchen. Mach also alles was du tust bedacht“, ermahne ich Tanja die gerade die Kellertreppe nach oben läuft. „Ja, ja, ich pass schon auf“, antwortet sie etwas außer Atem.

Es ist schon eigenartig, man kann eine Reise noch so lange vorbereiten wie man möchte, am Schluss ist doch wieder Hektik angesagt. Woran das liegt ist für mich kaum nachvollziehbar. Diesmal jedoch können wir eine Teilschuld dem Poststreik in die Schuhe schieben, denn selbst heute am Tag der Abreise, erreichen uns noch Pakete die schon lange hätten da sein sollen. Für uns war es wegen fehlender Ausrüstung bis zum Schluss nicht möglich echte Realtests durchzuführen. Jedoch haben wir viel Energie und Zeit in die Entwicklung der neuen Räder und Ausrüstung gesteckt. Wir haben spezielle Anhänger bauen lassen, nach einigen Testläufen Schwächen ausgebessert und Verbesserungen durchgeführt. Immer und immer wieder haben wir an Details gearbeitet. Die Räder und Anhänger standen in unserem Wohnzimmer. Manchmal habe ich mich am Abend mit einer Flasche Bier vor die Systeme gesetzt und sie nur angestarrt bis mir wieder eine weitere Verbesserung eingefallen ist. So ging das über Wochen und Monate bis die zwei E-Bike-Roadtrains perfektioniert waren und nach meinem Gefühl die kommende gewaltige Strecke, die dem Material zweifelsohne gnadenlos zusetzen werden, aushalten müssten.

Die neue Kameratechnik, Helmkamera, GPS, Speziallaptops, Batterien, Akkus, Ladegeräte aller Art, ein geräumiges Zelt in dem wir in den kommenden 1 ½ bis 2 Jahre viel Zeit verbringen werden, Winter- und Sommerkleidung, zwei Schlafsäcke pro Person, die uns Temperaturen von bis zu minus 30° im Zelt überleben lassen, und vieles mehr sind in den Satteltaschen und den Anhängern verstaut. Die E-Bike-Roadtrains stehen nun vor unserem Haus und warten darauf zum Bahnhof geritten zu werden. Viele Freunde und Nachbarn haben sich versammelt und sehen dabei zu wie unser Hund Ajaci in seinem Anhänger springt und ebenfalls aufgeregt darauf wartet bis ich ihm seinen Sicherheitsgurt angelegt habe.

Es ist einer der aufregensden Momente einer großen Reise, einer Reise die in für uns völlig unbekanntes Terrain führt. Es ist ein geradezu furchtbar spannender Augenblick der meinen Pulsschlag derart nach oben treibt, dass ich das Rauschen des Blutes in meinen Adern spüre. Es werden Witze gerissen, Spekulationen gemacht. Es wird gelacht und so mache Tränen kullert über die Wange des einen oder anderen Freundes. Ich verspüre plötzlich einen Kloß im Hals, setze meine Radbrille auf, so dass keiner meine Tränen entdeckt die sich urplötzlich ihren Weg bahnen. „Wir wünsche Euch eine wunderschöne, erlebnisreiche und vor allem sichere Reise!“, rufen manche. Kameras und Handy sind gezückt und surren vor sich hin. Was für ein erhabener Moment. Es fühlt sich für mich so an als würden sich hier 2 ½ Jahre der Vorbereitung entladen. Ein Gefühl der Freiheit wabert durch meinen gestressten Körper. Die Haare auf meinen Armen stellen sich auf. Es ist ein Gänsehautaugenblick der leider viel zu kurz ist. Wir umarmen uns, schütteln Hände. Ich drücke meine Mutter die vor zwei Jahren einen Schlaganfall erlitt und sich mit ungeheurer Willenskraft wieder erholt hat. Werde ich sie wieder sehen? „Kommen sie wieder, kommen sie wieder?“, fragt mein Vater unaufhörlich der seit dem Schlaganfall meiner Mutter unter Demenz leidet. „Wir kommen wieder“, sage ich ihn ebenfalls drückend und spüre wie mich neben der Freude die Trauer packt.

„Wir müssen gehen, der Zug wartet nicht“, rufe ich Tanja zu auf die Uhr zeigend. Dann schwingen wir uns auf den Sattel. „Gute Reise!“, fliegen uns die Wünsche unserer Freunde hinterher und schon sind wir in der kleinen Wohnstraße der Siedlung um eine Kurve gebogen. Matthias, Robin, Uli und eine kleine Kinderschar begleiten uns mit Ihren Rädern zum Nürnberger Hauptbahnhof. Wir verlassen unser Dorf, fahren in den Wiesengrund zur Pegnitz hinunter als ich das ungute Schleifen von Tanjas Bremse vernehme. „Was ist bei dir los?“, frage ich darauf hoffend nicht gleich auf den ersten Metern von einer Panne gestoppt zu werden. „Keine Ahnung, die Bremse gibt seltsame Geräusche von sich“, antwortet Tanja mit den Schultern zuckend. 20 Minuten später tauschen wir die Räder jedoch kann auch ich nicht feststellen woher das Schleifen kommt. „Ich werde dein Rad am Bahnhof genauer untersuchen“, meine ich leicht beunruhigt.

Die Kinder unserer Freunde jauchzen und lachen. Sie sind aufgeregt und schwirren mit ihren Bikes wie kleine Hummeln zwischen den Rädern der Erwachsnen hin und her. „Macht keinen Misst! Ansonsten passiert noch was!“, mahnt Robin. Nach einer knappen Stunde stehen wir am Bahndamm. Ein kalter Wind pfeift uns um die Ohren. Seltsames Wetter Mitte Juni. Margot und Heinz sind gekommen. „Wir haben unseren Urlaub verkürzt um euch verabschieden zu können“, sagen die beiden guten Freunde. Nach der Begrüßung einiger Fans düse ich mit Tanjas Rad am Bahnsteig auf und ab um die Ursache des Schleifgeräusches zu analysieren. Jedoch ohne Erfolg. „Das schleift sich bestimmt ein“, beruhigt mich Matthias. Paula und Irina, die Töchter von Robin und Matthias, binden uns ein von ihnen selbst geflochtenes Band ums Handgelenkt. „Es soll euch beschützen“, sagen sie kichernd.

Als der Zug einfährt stehen wir am falschen Ende des Bahndamms. Mit vereinten Kräften rollen wir die beiden E-Bikes durch die wartenden Fahrgäste zum richtigen Waggon. Viele Hände schaffen es die ca. 290 Kg schwere Ausrüstung in den Fahrradwaggon zu stapeln. Ajachi springt aufgeregt jaulend in den Zug und legt sich sofort neben die vielen Satteltaschen.

„Tschüüüüß! Gute und sichere Reise! Kommt gesund wieder!“, rufen die Menschen die in unserem Herzen einen besonderen Platz eingenommen haben. Ich schieße noch ein paar Fotos, dann schließt die Hydraulik mit einem leichten Tschchch die Tür des Waggons. Winkende Hände werden kleiner dann sind wir urplötzlich allein. Etwas betreten sitzen wir vor unserer Ausrüstung und starren auf die vorbei fliegende Landschaft. Tanja sieht irgendwie unglücklich aus. „Geht’s dir nicht gut?“, frage ich. „Alles gut. Ist nur ein eigenartiges Gefühl zu wissen dass wir unsere Familie und Freunde für so lange Zeit nicht mehr sehen werden.“ „Ist es. Aber wir haben solche Momente in den letzten Jahrzehnten schon oft erlebt.“ „Haben wir. Und trotzdem ist es immer wieder ein unangenehmer Augenblick“, antwortet sie nachdenklich.

Eine knappe Stunde später erreichen wir Augsburg. Wir tragen unser neues, mobiles Heim auf den Bahndamm. „Da wo ihr jetzt steht hält der Fahrradwaggon des Nachtzuges nach Berlin“, sagt ein Bahnbeamter. „Super, dann müssen wir nicht wie in Nürnberg alles zum anderen Ende bringen“, bedanke ich mich. Während Tanja und Ajaci auf die Räder Acht geben kaufe ich mir ein Sandwich und ein Bier. Dann setzte ich mich auf eine der zugigen Bänke neben unser Gepäck worauf nun Tanja mit Ajaci Gassi geht, damit er die Nacht im Zug gut durchhält. In diesem einsamen Moment spüre ich wie die Last und der Stress der Vorbereitung langsam abfällt.

Etwa zwei Stunden später herrscht am Bahndamm eifriges Treiben. „Fahren sie auch nach Hamburg?“, fragt mich einer der Fahrgäste. „Hamburg? Wie so Hamburg? Der Zug fährt doch nach Berlin oder?“, entgegne ich verblüfft als sich schon das gleißende Licht der Scheinwerfer des Nachtzuges in den Bahnhof frisst. „Der erste Teil fährt nach Hamburg, der hintere Teil nach Berlin. Der Zug wird nachts geteilt“, erklärt der Mann freundlich. „Oh nein, dann müssen wir erneut ans andere Ende!“, rufe ich worauf wir unsere Räder durch die vielen Wartenden schieben, um zum richtigen Waggon zu kommen. „Könnt ihr uns helfen?“, fragt Tanja zwei junge Männer die ebenfalls nach Berlin wollen. „Klar können wir. Wo wollt ihr denn mit dem Haufen Gepäck auf Rädern hin?“, möchte einer wissen. „Nach Vietnam“, antwortet Tanja trocken. „Vietnam? Sie hat Vietnam gesagt“, wiederholt er sich und haut seinen Kumpel prustend vor Heiterkeit auf die Schulter als hätte Tanja einen fantastische Scherz vom Stapel gelassen. „Ja wir sind mit den Rädern von Deutschland bis in die Mongolei gefahren und setzen von dort unsere Reise via China bis nach Vietnam fort“, sage ich jetzt um Tanjas Worte zu bekräftigen. Die Augen der Jungs weiten sich. „Heilige Scheiße und wir dachten schon cool zu sein. Ist das euer Ernst?“ „Aber ja, wir sind schon seit 24 Jahren unterwegs. Mal mit dem Pferd, mal mit dem Elefant oder Kamel. Jetzt mit dem Rad“, sage ich. „Oh coole Scheiße. Ihr hattet wirklich einen Elefanten?“ „Aber ja.“ „Man und ich denke darüber nach ob ich mir ein Motorradkaufen soll oder nicht. Echt coole Scheiße. Sofort helfen uns die Beiden und schleppen alles in den Waggon während ich mit flinken Fingern die Hänger zerlege. In wenigen Minuten haben wir den Gang des Waggons mit Satteltaschen, Anhängern und Taschen voll geschlichtet. „Eigentlich müsste ich euch hier rauswerfen“, meint plötzlich die resolute Zugchefin. „Äh, die fahren mit ihren Rädern in die Mongolei. Das muss man doch unterstützen“, springt einer der beiden Jungs für uns in die Presche. Die Zugchefin öffnet kommentarlos ein großes Behindertenabteil in das Tanja und die Jungs unsere gesamte Habe schlichten dürfen. „Das ist außergewöhnlich freundlich von ihnen“, bedank sich Tanja bei der Zugchefin auf deren Namensschild Schilling steht. Indes helfe ich einer Frau ihren schweren Koffer in die Gepäckablage zu heben. Dann versuche ich unsere beiden Räder in dem viel zu kleinen und bereits ausgebuchten Fahrradabteil unterzubringen. Insgesamt passen da maximal 4 bis 6 Räder rein. Vier Drahtesel sind allerdings schon eingecheckt. Mit Schlichten und Mühe schaffe ich es unsere E-Bikes neben ihre Kollegen zu binden. Dann eile ich Tanja zu Hilfe, um noch den Rest unserer Ausrüstung in das von Frau Schilling zur Verfügung gestellte Abteil zu schlichten. „Das hätte nie und nimmer in euer Zweimannabteil gepasst“, meint sie augenzwinkernd. „Jetzt geht in euer Abteil und relaxt. Ich wünsche Euch eine gute Nacht.“ „Ist unsere Ausrüstung da drin sicher?“, möchte ich wissen. „Aber ja. Ich habe einen speziellen Schlüssel. Da kommt keiner rein“, beruhigt mich die überaus hilfsbereite und freundliche Berlinerin.

In unserem gemütlichen Zweimann-Schlafabteil kauert sich Ajachi grunzend auf den Boden während ich in das obere Bett klettere. „Wir haben es geschafft“, stöhne ich zufrieden. „Ja wir sind auf dem Weg nach Berlin. Ich wünsche uns eine tolle Reise und eine gute Nacht“, sagt Tanja. Glücklich liege ich auf dem Rücken und lasse mich vom typischen Fahrgeräusch einer Eisenbahn in den Schlaf lullen. Nur gut das ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß welch eine Odyssee uns am kommenden Morgen erwartet.

Die Live-Berichterstattung wird unterstützt durch die FirmenGesat GmbH: www.gesat.com und roda computer GmbH www.roda-computer.com Das Sattelitentelefon Explorer 300 von Gesat und das rugged Notebook Pegasus RP9 von Roda sind die Stützsäulen der Übertragung.

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Deutschland

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Behringersdorf

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