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Odyssee

Mitten in der Nacht wache ich auf und weiß im ersten Moment nicht wo ich bin, bis mir dämmert, dass ich in der Schlafkoje eines Zuges liege. Ich wundere mich über das mangelnde Fahrgeräusch welches ich beim Einschlafen so angenehm empfand. „Ob sie hier den Zug trennen?“, frage ich mich. Nur wenig später schickt mich die bleierne Müdigkeit wieder ins Land der Träume.

7:10 Uhr am Morgen. „Wollte uns der Stuart nicht wecken?“, frage ich Tanja gähnend. „Wollte er. Hat es wahrscheinlich vergessen.“ „Hm, das kann ich mir nicht vorstellen. Er hatte einen pflichtbewussten Eindruck auf mich gemacht. Der Zug müsste eigentlich bald einen Bahnhof erreichen. Er weiß doch dass wir unsere Räder, noch bevor die anderen Radfahrer aussteigen, auf die Seite rollen müssen damit sie rauskommen. Gehst du mal nachfragen?“ „Mir wäre liebe du fragst nach.“ „Ach komm. Du schläfst unten. Für dich ist es doch viel leichte schnell mal raus zu spitzen um die Lage zu sondieren“, meine ich im Brustton der Überzeugung.

Es dauert nicht lange und Tanja kommt zurück ins Abteil gestürmt. „Stell dir vor was der Stuart gesagt hat.“ „Na was denn?“, frage ich nichts Gutes ahnend. „Wir können uns Zeit lassen. Die Zugmaschine hatte in der Nacht einen Getriebeschaden. Wir hatten fünf, jetzt aber nur noch zwei Stunden Verspätung.“ „Was? Das kann doch nicht wahr sein! Zwei Stunden? Na wenn das stimmt werden wir den Anschlusszug nach Moskau nie erreichen.“ „Es ist wahr. Ich habe mich mehrfach versichert. Unser Zug hat im Augenblick 120 Minuten Verspätung.“ „Und jetzt? Was machen wir jetzt? Wenn wir den Zug nach Moskau nicht erwischen ist die gesamte Reise gefährdet. Um ein Viererabteil in dem russischen Zug zu ergattern muss man sechs Wochen vorher buchen“, sage ich mir die Haare raufend. „Vielleicht holen wir ja noch Zeit rein?“, überlegt Tanja als unsere eiserne Schlange um ca. 7:30 Uhr gerade in einen Bahnhof einfährt. „Braunschweig“, sage ich fassungslos auf das Schild am Bahndamm deutend. „Von hier sind es noch mindestens 240 km nach Berlin Lichtenberg. Vor 10:30 Uhr kommt der da nie an. Ich glaube das war´s“, meine ich und spüre mein Herz schlagen als wollte es zerspringen. Wenige Minuten später verlasse ich das Abteil um mit der Zugchefin zu sprechen. „Holen wir noch was an Zeit rein?“, frage ich entmutigt. „Kann schon sein. Es kommt darauf an wie wir in den einzelnen Bahnhöfen die Freigaben bekommen. Mit welchem Zug wollen sie den weiter? Zeig mir mal bitte deine Fahrkarten?“, fragt sie recht vertraulich. „Ach der 453! Da sind unsere Leute drauf. Ich ruf gleich mal meinen Kollegen an. Mal sehen was der für uns machen kann.“ Es dauert nicht lange und Frau Schilling hat ihren Kollegen am Mobiltelefon. „Das musst du mit der Leitzentrale klären“, lässt er sie abblitzen, worauf die äußerst freundliche Zugchefin sich sofort mit der Leitzentrale in Verbindung setzt. „Hör mal. Mein Zug hat gerade 120 Minuten Verspätung. Das siehst du ja auf dem Monitor. Ich habe hier zwei nette Fahrgäste die den 453 nach Moskau erreichen müssen. Kannst du den für mich ein wenig warten lassen?“ Dann legt Frau Schilling auf. „Und sie denken die würden für uns den Zug aufhalten?“, frage ich ungläubig. „Die Bahn macht alles möglich. Warten wir was meine Kollegen zustande bringen“, sagt sie mit einem breiten Grinsen. „Danke für Ihr Engagement“, sage ich und laufe wieder in mein Abteil um zu Frühstücken. Mit wenig Appetit verschlinge ich das einfache Frühstück. „Möchtest du nicht essen?“, frage ich Tanja die lethargisch aus dem Fenster sieht. „Hab keinen Hunger.“ „Kann ich verstehen. Esse das Zeug auch nur aus Verzweiflung“, antworte ich.

Als die eiserne Schlange in Potsdamm einrollt signalisiert mir Frau Schilling nur noch 115 Minuten Verspätung zu haben. „Wenn wir diese Verspätung halten sind die Russen schon 17 Minuten vor unserem Eintreffen abgefahren“, antworte ich die Zeit kurz im Kopf überschlagend. „Ja, außer der Zug wartet auf sie.“ „Sind schon Informationen von der Leitzentrale da?“ „Nur Geduld. Die werden sich bald melden“, antwortet sie zuversichtlich als würde sie wirklich glauben, dass man wegen uns einen internationalen Zug warten lässt.

Indes gehe ich zu unseren Bikes und helfe einem älteren Pärchen dabei ihre Räder aus dem Zug zu schaffen. „Und ich habe gehört sie wollen mit ihren Rädern nach Vietnam?“, fragt mich die ältere Dame. „Wollen wir“, antworte ich kurz, nicht in der Stimmung große Konversation zu betreiben. „Mein Mann und ich unternehmen auch lange Radtouren. In manchen Urlauben waren wir zwei Wochen unterwegs“, plaudert sie und beginnt eine lange Liste von Orten und Jahreszahlen aufzuzählen. „Wünsche ihnen einen schönen Urlaub“, sagt sie als ich wieder in den Zug springe der weiterhin versucht der Zeit hinterher zu eilen.

Am Bahnhof Berlin Zoologischer Garten haben wir erneut 3 Minuten gut gemacht. Unsere Zugchefin Svea, mit der wir mittlerweile per Du sind, lacht mich an. „Die Nachricht von der Leitzentrale ist soeben eingetroffen. Der 453 wird auf euch warten.“ „Im Ernst?“, frage ich meinen Ohren nicht trauen wollend. „Ja, die Russen werden warten. Sie werden zwar nicht ganz glücklich darüber sein aber sie werden warten.“ „Unglaublich. Du bist fantastisch.“ „Da siehst du was die Bahn alles möglich macht. Die Menschen sollten nicht immer auf uns schimpfen“, antwortet sie bestens gelaunt.

Als wir Berlin Lichtenberg erreichen wartet der 453 bereits seit ca. 10 Minuten auf uns. In Windeseile tragen wir die Satteltaschen, Anhänger und Räder auf den Bahndamm. Kaum ist alles draußen begrüßen uns Liane und Alex Langhans, die Chefs der Firma die seit Jahren für uns die Visa für unsere Reisen besorgen. Schnell überreichen sie uns die Pässe mit den wichtigen Chinavisa. „Super dass ihr am Sonntagmorgen extra zum Bahnhof kommt“, bedanke ich mich. „Wenn wir somit eure Reise unterstützen können machen wir das sehr gerne“, antworten die beiden und helfen uns das viele Gepäck zum gegenüberliegenden Bahndamm zu tragen. Abgehetzt und völlig verschwitzt erreichen wir den super modernen und nageneuen Zug der Moskau mit Paris verbindet und mit 3169 km einer der längsten Zugstrecken in Europa zurücklegt. Das russische Personal steht vor den Eisenbahnwagen und sieht uns entgegen wie die Lawine an Gepäck auf sie zurollt. Im Augenwinkel sehe ich das erste Stirnrunzeln. „Tickets! Tickets! Tickets“, ruft eine uniformierte Waggon-Chefin. Eilig reiße ich die Unterlagen aus meiner Hüfttasche. Die freundlich wirkende Russin deutet auf einen anderen Wagen. Etwas enttäuscht nicht in ihrem Hoheitsgebiet unterzukommen schiebe ich mein Rad weiter. Dann werden die Tickets erneut kontrolliert. Während Liane, Tanja und Alex die ersten Satteltaschen in den angewiesenen Waggon hinein tragen, beginne ich die Solarpanels vom Anhänger zu montieren. Dabei fallen alle Beilagscheiben der Flügelmuttern auf den Boden und klimpern auf nimmer Wiedersehen davon. „Das ist der falsche Waggon!“ ruft jemand nachdem ein Großteil der Satteltaschen bereits verladen sind. Da der Zug nun viel länger aufgehalten wird als geplant wird das Personal zusehend ungehalten. Sie fordern unter lauten russischen Rufen auf uns noch mehr zu beeilen. Getrieben vom Knallen imaginärer Peitschen schleppen unsere fantastischen Helfer und Tanja die gesamte Ausrüstung wieder aus dem 453, hasten den Bahndamm 100 Meter entlang, um alles erneut in den nun hoffentlich richtigen Wagen zu hieven. In der Zwischenzeit bin ich damit beschäftigt die Räder von den beiden Anhängern zu montieren. „Die Fahrräder bleiben draußen!“, sagt die Russin in Uniform gebieterisch und fuchtelt mit ihrem Zeigefinger vor mir herum als hätte sie ein Schwert in der Hand. Sofort baue ich den Vorderreifen eines Rades ab um sie irgendwie zu besänftigen. „никаких велосипедов в железной дороге!“ („Keine Fahrräder im Zug!“), sagt sie im harten Befehlston, was mich an die amerikanischen Filme erinnert, in denen die Russen immer die Bösen sind. Der Schreck fährt mir in die Glieder, dass ich kaum noch denken kann. „Пожалуйста, не злиться“, („Bitte nicht böse sein“) hole ich mein brüchiges Russisch aus der letzten Gehirnwindung. „никаких велосипедов в железной дороге!“ („Keine Fahrräder im Zug!“), wiederholt sie unnachgiebig mit ihrem schlimmen Finger fuchtelnd. Tanja schnappt sich die bereits ausgebauten Vorderreifen und eilt damit in die eiserne Schlange, die durch das ewige Hin und Her nun weit länger steht als von den Verantwortlichen geplant. „Bau den Hinterreifen auch aus!“, schreit die Russin mich in ihrer Landessprache an. „Это слишком сложно“, („Das ist zu kompliziert“) antworte ich, durch den Stress der letzten Wochen, der Anspannung der letzten Stunden den Zug nicht zu erwischen und vor allem wegen der üblen Behandlung hier am Bahngleis, völlig verzweifelt. Irgendwie schaffen wir es dann doch das halb zerlegte Rad in den Waggon zu bugsieren. „Gute Fahrt wünschen uns Liane und Alex uns umarmend.“ „Danke, das können wir gebrauchen“, sage ich bis auf die Haut durchgeschwitzt.

Kaum ist das letzte Gepäckstück in dem Zug, setzt er sich auch schon in Bewegung. Mit Adrenalin gepumpt fahre ich das E-Bike auf dem Hinterreifen zum Ende des Waggons, um unser Abteil zu erreichen. Auf den vier Betten türmen sich bereits acht Sattel-, zwei Lenker-, zwei Kamerataschen, Ajacis zusammengelegten Anhänger, vier Anhänger- und zwei Vorderreifen. Nicht die geringste Chance da noch zwei halb zerlegte E-Bikes und die andere Anhängerbox reinzuschlichten. Ajaci sitzt auf dem Boden und sieht mich mit treuen Augen an. Seine Leine ist an einem der oberen Betten festgebunden. „Und wie bekommen wir da alles rein?“, frage ich mehr mich selbst als ihn.

Tanja ist derweil auf der anderen Seite des Waggons bei der Anhängerbox die zwischen zwei Eisenbahnwägen den Weg für das Personal zum Hindernislauf macht. Der Zugchef hat ihr einen Lappen in die Hand gedrückt und sie dazu verdonnert die Alubox zu reinigen, während ich mein Werkzeug suche, um die Lenker der auf dem Gang stehenden Räder umlegen zu können. „Это новый поезд. Они делают все грязным!!!“ („Das ist ein neuer Zug. Sie machen alles schmutzig!!!“, brüllt mich die Schaffnerin nun ungehalten an weshalb mir regelrecht das Herz in die Hose rutscht. „Bringen sie das Rad in ihr Abteil und achten sie darauf dass ihr Hund keinen weiteren Dreck macht“, brüllt sie weiter und verschwindet wieder. Da Ajaci heute Morgen keine Gelegenheit hatte Gassi zu gehen bete ich, dass er uns nicht ins Abteil scheißt. „Wenn das geschieht machen die uns zu Hackfleisch“, flüstere ich ihm zu. Ajaci indes ist cool. Er zeigt nicht die geringsten Anstalten und hechelt mir freudig ins Ohr.

„Wo ist mein verdammtes Werkzeug?“, frage ich mich dann und werde immer nervöser. Es dauert nur eine Minute als der schlimme Drachen wieder in mein Abteil hineinschreit und mich für Schmutzstreifen im Gang verantwortlich macht. „Das ist ein neuer Zug!“ wiederholt sie sich immer wieder! „Den Schaden müssen sie bezahlen! Kommen sie sofort mit!“, lärmt sie worauf ich ihr wie ein geknickter Strohhalm folge. Mittlerweile ist auch der Waggonchef anwesend, der ebenfalls auf mich einschimpft als hätte ich ein wirklich schlimmes Verbrechen begangen. „Hier sehen sie den Schmutzstreifen?“, sagen die beiden auf ein etwa 10 Zentimeter langen Strich deutend, der sich unterhalb eines Fensters auf dem schmalen, langen Gang befindet. „Если они извиняют“, („Entschuldigen sie“), flehe ich. „Ich mache es sauber wenn die Räder verstaut sind“, füge ich auf Deutsch hinzu. Wieder in meinem Abteil nehme ich erneut die Suche nach dem Werkzeug auf. „Der arme Hund. Machen sie ihn doch von der Leine“, sagt jetzt ein russischer Fahrgast. „Dem Hund geht es sehr gut. Besser als seinen Menschen“, stammle ich in seiner Sprache und weiß nicht wo mir der Kopf steht.

Das Werkzeug bleibt noch immer verschwunden. Ob ich es auf dem Bahndamm liegen habe lassen? Die Schaffnerin scheint sich mittlerweile an meiner misslichen Lage zu ergötzen und behämmert mich alle paar Minuten mit ihren russischen Schimpftiraden. „Der arme Hund. Machen sie ihn doch von der Leine“, sagt der Russe seinen Kopf erneut ins Abteil stecken. „Ich muss doch erst Platz schaffen“, antworte ich mir mit dem schmutzigen Putzlappen, mit dem ich die Reifen gerade sauber gemacht habe, wiederholt den Schweiß vom Gesicht wischend. „Der liebe, liebe, liebe Hund. Hoffentlich überlebt er die Reise“, malträtiert mich der Fahrgast weiter, der offensichtlich Hunde mehr mag als einen Menschen der kurz davor steht gleich bewusstlos umzufallen.

„Du findest das Werkzeug schon“, beruhigt mich Tanja als ich zu ihr eile um Rat einzuholen. Unerwartet fällt mein Blick auf einen durchsichtigen Beutel in dem ich Zuhause die Nüsse und Schlüssel neu verpackt habe. Schnell hole ich den richtigen Steckschlüssel heraus und setze ihn auf die Ratsche als schon wieder die Uniformierte erscheint, um mir weiter einzuheizen. „Ich beeile mich ja“, flehe ich schwitzen wie ein kämpfender Sumoringer um Erbarmen. Plötzlich fällt die Ratsche aus. Es ist absolut unmöglich damit etwas zu öffnen. Irgendwie dreht der Aufsatzschlüssel ständig durch. In diesem Moment bin ich ehrlich gesagt dem Weinen nahe und frage mich was wir hier überhaupt machen.

„Die wollen uns in Frankfurt aus dem Zug werfen“, überbringt Tanja jetzt die Horrornachricht. „Was? Die bluffen doch sicherlich?“ „Nein die meinen es ernst. Der Zugchef hat gesagt, dass er uns in Frankfurt an die Luft setzt. Da ist nichts zu machen.“ „Was für eine Alptraumzugfahrt ist das denn? Will der Mann Geld?“, überlege ich. „Ich weiß nicht. Vielleicht. Soll ich ihm 50,- € geben?“ „50 €? Eine Menge Geld aber immer noch billiger als rausgeworfen zu werden“, stimme ich zu. Es dauert nur wenige Minuten als Tanja erneut an die Abteiltür kommt. „Er nimmt das Geld nicht. Er spricht nur vom Rauswerfen.“

Als Tanja wieder verschwindet, um die Anhängerbox zu polieren, überlege ich wie ich es fertig bringe den Lenker ohne Ratsche quer zu stelle. Dann fällt mir das Multiwerkzeug ein welches ich wenige Tage vor der Abreise für Notfälle zusätzlich zu meinem anderen Werkzeug gekauft hatte. Sofort hole ich es aus der Lenkertasche. Ich setzte gerade den passenden Bit-Einsatz in das Aufnahmestück als der Drachen seinen Kopf ins Abteil steckt und mich anschnauzt. „Am nächsten Bahnhof fliegen sie raus!“ Vor Schreck fällt mir der Bit-Einsatz herunter und verschwindet, wie vorher meine Beilagscheiben, auf nimmer Wiedersehen in einer Ritze am Boden. Mit der Stirnlampe suchen Tanja und ich den Fußboden ab jedoch bleibt das wichtige Werkzeug verschwunden.

„Pässe! Geben sie mir ihre Pässe!“, dröhnt der Drache. Wir geben der Beamtin unsere Dokumente. „Da sind ja keine Transitvisa für Weißrussland drin! Ohne die können sie nicht weiter“, schockt sie uns bis auf die Knochen. „Jetzt suchen sie was um uns auf legalen Weg raus zu werfen“, überlege ich. Da ich die Zugfahrt von einer professionellen Reisagentur, die ausschließlich Bahnfahrten abwickelt, gebucht habe, und mir dort keiner etwas von einem benötigtem Transitvisum erzählte, gehe ich nicht weiter auf die Drohung ein.

„Denis, wir haben ein ernsthaftes Problem“, sagt Tanja wenig später und fordert mich auf mitzukommen. „Was ist denn?“, frage ich, ihr den schmalen Gang in einen anderen Waggon folgend. „Die russische Schaffnerin hat einen Deutschen aufgetrieben der uns die Situation mit dem Visum erklären kann. Er sitzt dort vorne. Ich denke es ist gut wenn du mit ihm sprichst.“

„Ohne dieses Transitvisum haben sie ein Problem“, erklärt er und zeigt es mir in seinem Pass. Die Weißrussen werden sie bei der Kontrolle aus dem Zug zerren und sicherlich bestrafen. Heute ist Sonntag. Sie können also nicht mal ein Konsulat aufsuchen. Wer weiß, vielleicht verbringen sie dann die Nacht auf der Polizeistation?“ „Oh nein. Das kann doch alles nicht wahr sein? Wir könnten im Ernstfall doch an der Polnischen- Weißrussischen Grenze einfach in Polen bleiben?“, überlege ich. „Das ist keine gute Idee. Die Passkontrolle ist erst in Brest und das ist bereits in Weißrussland. Sie wären also illegal in diesem Land. Ich brauche ihnen nicht zu sagen welche Konsequenzen das nach sich ziehen kann“, warnt er als der Zug an einem Bahnhof hält. „Was schlagen sie vor?“, frage ich. „Ich würde den Zug verlassen. Es tut mir wirklich leid für sie aber ich würde nicht ohne Transitvisum nach Weißrussland reisen.“ „Denis! Das ist der letzte Bahnhof vor der polnischen Grenze! Wir müssen hier raus!“, unterbricht Tanjas Ruf die Konversation mit dem deutschen Fahrgast. „Was? Wir sollen hier raus?“, frage ich etwas verwirrt weil das ganze Tohuwabohu der letzten Stunden schwer an meinen Nerven genagt hat. „Raus hier!“, brüllt Tanja worauf ich in unser Abteil rase, die ersten Satteltaschen schnappe, um sie durch den langen Gang zu tragen und auf den Bahndamm zu werfen. Jetzt helfen alle mit, sogar der Drachen trägt Ausrüstungsgegenstände mit nach draußen. Ihr Gesichtsausdruck hat sich plötzlich geändert. Irgendwie glaube ich jetzt Mitleid zu erkennen. Vielleicht ist sie aber auch nur froh uns loszuwerden. Wegen dem vielen Gepäck muss der Zug wieder länger warten als es sein Fahrplan zulässt. Am Schluss stürme noch mal hinein um zu prüfen ob das Abteil auch wirklich leer ist. Dann setzt sich der neue russische Luxuszug auch schon in Bewegung. Einer der deutschen Schaffner hat ebenfalls den 453 verlassen. „Selber Schuld. Wie kann man nur ein Visum vergessen?“, sagt er. Sein Mitleidloser Blick trifft mich. Ohne weiteren Kommentar schultert er seinen schwarzen Dienstkoffer und läuft an uns vorbei. Wie die begossenen Pudel stehen wir nun am Bahndamm von Frankfurt an der Oder und versuchen zu verdauen was wir gerade erlebt haben. „Die Transsibirische Eisenbahn fährt morgen Abend ohne uns“, sage ich. „Ja“, antwortet Tanja ebenfalls geknickt. „Wie soll`s jetzt weitergehen?“, frage ich. „Ich geh mal mit Ajachi Gassi“, antwortet sie. „Okay“, sage ich und starre auf die Räder, Satteltaschen und zerlegten Anhänger. Meine Gedanken überschlagen sich. Wie sollen wir jetzt nach Moskau kommen um die Transsibirische Eisenbahn zu erreichen? Der Zug, den wir gerade abfahren haben lassen, ist bald immer voll besetzt. Um ein Viermannabteil zu ergattern muss man bis zu sechs Wochen im Voraus buchen. Das heißt im Klartext, dass wir keine Chance haben noch mal mit dieser Eisenbahn zu fahren. Ob wir wollen oder nicht. Aber wie soll dann die Reise weitergehen? Als Tanja und Ajaci zurück sind informieren wir erstmal unsere Freunde und Familie über die Geschehnisse und den gescheiterten Aufbruch. Dann packen wir alles zusammen und verlassen noch immer betreten den Bahnhof.


Gleich vor dem Bahnhof entdecken wir ein ADFC Hotel. Nachdem ein Zimmer frei ist und unser Ajaci akzeptiert ist checken wir ein. Dann suchen wir ein Restaurant auf und beratschlagen die weiteren Schritte. Wir wägen nun ab mit unserem eigenen Transporter die Räder und Ausrüstung selber nach Moskau zu fahren. Aber wer bringt dann das Auto zurück? Ich rufe Alex an der gerade noch geholfen hat unser Gepäck im Zug zu verstauen. Er ist über den Abbruch unserer Reise regelrecht geschockt. „Ich kann euch vielleicht einen russischen Fahrer besorgen der euch nach Moskau bringt und den Transporter wieder zurückfährt“, schlägt er vor. „Danke, wir denken darüber nach“, antworte ich. „Wie hoch ist der finanzielle Schaden?“, möchte Tanja nach einer Weile wissen. „Denke ca. 2.000,- €. Aber wir sollten es wie ein Unfall betrachten. Das kann jedem widerfahren. In unserem Fall ist es nur ein Blechschaden. Das Wichtigste ist, wir sind gesund.“ „Das ist eine gute Sichtweise. Außerdem hätten wir bei dem ganzen Durcheinander leicht einen Ausrüstungsgegenstand wie Kamera verlieren können. Es ist also alles gut. Wir werden sicherlich eine Lösung für einen Neustart finden“, ist Tanja zuversichtlich.

Am Abend gehen wir noch mal zum Bahnhof und lassen unsere Zugtickets entwerten. „Wir sollten gleich morgen Früh das Reisebüro anrufen. Vielleicht können wir die Tickets der Transsibirischen Eisenbahn noch stornieren? Die fährt doch erst morgen Nacht ab“, schlägt Tanja vor. „Wer weiß. Wunder gibt es immer wieder“, antworte ich.

Die Live-Berichterstattung wird unterstützt durch die FirmenGesat GmbH: www.gesat.com und roda computer GmbH www.roda-computer.com Das Sattelitentelefon Explorer 300 von Gesat und das rugged Notebook Pegasus RP9 von Roda sind die Stützsäulen der Übertragung.

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