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Das Laden der Kamele gleicht einem Alptraum

Erstes-Camp — 15.05.2000

Wir stehen um 7 Uhr auf. Kaum krieche ich aus meinem wohlig warmen Schlafsack, fährt mir die Kälte in die Glieder. Das Thermometer zeigt null Grad. “Mein Gott ist das kalt. Ich dachte immer Australien ist ein warmes Land,” sagt Tanja schlotternd und schlüpft in ihren Fliespullover. Während sie mit Jo zum Kamelehüten geht, rolle ich unsere Isomatten zusammen, packe unsere Schlafutensilien in einen der wasserdichten Ortliebbeutel, baue die zwei Zelte ab, mache Feuer und setze den Billy (australischer Wasserkessel) auf die Glut der Feuerstelle. Als die Beiden zurückkommen ist es bereits 8 Uhr 30. Wir trinken eine große Tasse Tee oder Nestkaffee, essen einige Scheiben Toast und beginnen damit die gesamte Ausrüstung zu sortieren. Da wir beschlossen haben heute Aufzubrechen stehen wir unter Zeitdruck. Irgendwie sieht alles chaotisch aus. Überall stehen wirr verstreut die großen Ortliebsäcke herum in denen wir die verschiedensten Gegenstände verpackt haben. "Wo ist die Küchentasche 1? Frage ich Tanja, weil ich sie zum Ladeplatz tragen möchte. “In welchem der Säcke ist das Filmmaterial?” Höre ich Tanja fragen weil sie einen Film benötigt. Jo fragt wohin sie ihren Schlafsack und Stuhl packen kann. Wir laufen wie die aufgescheuchten Ameisen hin und her und es kommt vor, dass ich einige der Säcke mehrfach öffne, um zu sehen was wirklich drin ist. Schon nach einer halben Stunde fühle ich mich entnervt und um 10 Uhr sind wir nicht viel weiter. Ich beginne mit einem fetten wasserfesten Stift die Säcke zu beschriften während Tanja mit unserer großen, aus Blech gefertigten, Küchenbox kämpft, um die Schachteln, Soßen und sonstige Lebensmittel deren Verpackung unter Druck leicht aufplatzen können irgendwie hineinzustopfen. “Wir müssen jeden Sack, unserer gesamten Ausrüstung genau wiegen!” Sagt Jo und erklärt uns das jede der Satteltaschen bis auf das Kilo genau gleich schwer sein sollten. “Wir müssen sorgfältig arbeiten sonst kann es passieren, dass die Sättel auf den Rücken der Kamele zu rutschen beginnen.” Erklärt sie wie immer freundlich, worauf ich mich frage wie wir so jemals einen einzigen Kilometer vorankommen sollen. Nachdem wir unseren gesamten Besitz zum Ladeplatz getragen, beschriftet und in den passenden Säcken verstaut haben, beginnen wir mit dem Wiegen. Ich benutze dafür eine Handwaage an deren Ende sich eine Art Fleischerhaken befindet woran man das zu wiegende Objekt hängen kann. Diese altertümliche Waage besteht aus nichts anderem als einer starken Feder. Hängt man an den Haken ein Gewicht von 10 Kilo zeigt eine mechanische Anzeige das Gewicht an. Leider ist das Ding recht unhandlich und als ich meine ersten Wiegeversuche durchführe, schneide ich mir an der Skala die Hände auf. Mittlerweile ist es 11 Uhr und der Zeitpunkt unseres heutigen Aufbruchs liegt irgendwo in der Unendlichkeit. Mancher der Säcke wiegt über 50 Kilo und man kann sich vorstellen, dass ich nach einigen Stunden der Wiegerei absolut am Ende bin. Mein, seit Jahren verletzter Rücken beginnt bedenklich zu schmerzen und ich bin der Verzweiflung nahe. Erst Gestern hatten wir einen wunderschönen Tag und waren sehr zuversichtlich und bereits heute ziehen dunkle Wolken des Zweifels auf. Um ca. 14 Uhr sind wir mit der aufreibenden und äußerst anstrengenden Arbeit des Wiegens fertig, jedoch ist noch kein einziges Kamel beladen. Jo führt dann endlich Sebastian zum Ladeplatz unweit des Campfeuers. Sebastian ist unser Leitkamel und wird mit der teuren, sensiblen Technik beladen. Wir haben für ihn einen speziellen Sattel ausgeklügelt an dem wir die Plicanecase-Koffer mit der wertvollen Elektronik einzeln festschnallen können.

Satellitentelefon, Computer, Ersatzfilmkamera, Firstaidkoffer, Regenzeug, Wasser für den Tagesverbrauch, Essen für die Mittagsrast, Autobatterie, Hundedecke für Rufus, Hundeschüssel und Tanjas und meinen kleinen Tagesrucksack von Fjäll Räven und einige Kleinigkeiten mehr finden auf ihm Platz. Am Schluss befestigen wir mit elastischen Gummibändern das Solarpaddel. Müde sehe ich auf die Uhr und muss entsetzt feststellen, dass wir dafür 54 Minuten benötigt haben. Um 15 Uhr ist uns allen klar, dass wir heute nicht aufbrechen, denn in drei Stunden geht die Sonne unter.

KADESCH FÄLLT WIE VON DER AXT GESCHLAGEN

Aus Testgründen und um morgen Zeit zu sparen, entschließen wir uns heute nur noch Kadesch zu beladen. Kadesch ist der Zweite in der Rangordnung und da er bisher derjenige war, der uns am meisten Probleme bereitete, wollen wir zumindest sehen wie er auf seine voll geladenen Satteltaschen reagiert. Jo führt Kadesch an Sebastian heran, lässt ihn mit dem Kommando “Usch” absetzen und bindet, aus Sicherheitsgründen, seine Vorderbeine mit den Israeliseilen zusammen.Da wir uns nun entschlossen haben heute nicht mehrt aufzubrechen, wollen wir zumindest so tun als ob und binden beide Kamelhälse mit dem 12 Millimeter Seil aneinander, das somit die Verbindung von einem zum anderen Tier gewährleistet. Auch befestigen wir die Nasenleine von Kadesch an Sebastians Sattel und ein weiteres Seil stellt die Verbindung von Sebastians Sattel zu Kadesch’s Halfter her. Alle Seile haben eine, von uns eingebaute Sollbruchstelle für den Notfall. Nur das Hauptverbindungsseil von Kamelhals zu Kamelhals kann nicht reißen. Nachdem wir das für mich noch komplizierte Seilsystem fertig haben setzen wir ihm Kadesch behutsam den Sattel auf. Wieder bekommt er es mit der Angst zu tun, reißt seine Augen auf und sein Schwanz schleudert seine nahezu flüssigen Ausscheidungen durch die Luft. Wir sind zu beschäftigt und ebenfalls aufgeregt, um auf den dunklen Regen, der auf uns niedergeht zu reagieren. Eilig ziehe ich die Bauchgurte an, während Tanja den Schwanzriemen und Nackenriemen des Sattels schließt. Das Laden der Satteltaschen geht einfacher als wir dachten. Da Kadesch unser größtes und stärkstes Kamel ist bekommt er gleich von Beginn an vier davon an den Rahmen des Sattels gebunden.

Der arme Kadesch zittert am ganzen Körper. Obwohl er vor Jahren schon unzählige Touristen auf seinen Rücken getragen und die letzten Tests gut überstanden hat ist er immer noch sehr nervös. Wir gehen so behutsam mit ihm um, wie es nur möglich ist. Jo spricht mit ihm als wäre er ein Mensch. Sie erklärt uns, dass es sehr wichtig ist immer mit den Tieren zu sprechen. “Vor allem der Tonfall der Stimme ist wichtig,” sagt sie und streichelt ihm seinen riesigen Kopf.

Endlich ist es soweit ihm die Beinseile zu lösen. Während ich Sebastian an der Nasen- und Führungsleine halte, öffnet Jo ganz behutsam und sehr vorsichtig die Beinseile. Unaufhörlich fordert sie Kadesch auf sitzen zu bleiben. “Usch down, uschsch, usch, usch Kadesch!” Sie möchte durch die ständige Aufforderung zum absetzen vermeiden, dass er wie von der Tarantel gestochen in die Höhe schießt. Tanja hat wieder den Job als Kameramann und ist bereit alles was geschieht zu dokumentieren.

“Wenn Kadesch aufsteht musst du auch sofort Sebastian aufstehen lassen!” ruft mir Jo zu. “Okay!” Antworte ich und mein Herz schlägt vor Aufregung so laut wie eine Buschtrommel. Kaum hat Jo das zweite Beinseil geöffnet explodiert das Tier wie ein Vulkan mit so unvorstellbarer Wucht in die Höhe, dass ich vor Schreck vergesse zu atmen. Sebastian ist nur um den Bruchteil einer Sekunde langsamer und rast vor panischer Angst nach vorne. Ich kann ihn nicht mehr unter Kontrolle halten, er drückt mich zur Seite und versucht das Weite zu suchen. In letzter Sekunde reiße ich die Führungs- und Nasenleine an mich und bin überrascht, dass er nicht einfach über mich drüber läuft. Dadurch, dass die Vorderbeine von Kadesch gehoppelt sind, hat er Schwierigkeiten Sebastians Ausreißversuch zu folgen. Er steigt, die schweren Satteltaschen ignorierend, wie eine Rakete in die Luft. “Usch him down! Usch Sebastian down!” Brüllt Tanja mir zu doch ich habe die Kontrolle über Sebastian verloren. Kadesch Vorderfüße donnern zu Boden, Jo rettet sich mit einem Sprung zur Seite und ruft mir ebenfalls zu, Sebastian absetzen zu lassen. Wieder steigt Kadesch, und landet mit den Seinen Vorderfüßen vor dem Baumstumpf eines Black Boys. Sebastian zieht wie ein Irrer und als Kadesch wieder in die Höhe Steigen will bleiben seine Vorderfüße am Black Boy hängen. Durch den gewaltigen Zug des Nackenverbindungsseiles kann Kadesch nicht mehr in die Höhe steigen und stolpert über den stacheligen Grasbaum. Plötzlich fällt er mit seiner gesamten Ladung wie von der Axt geschlagen und kracht mit seiner Brust dröhnend zu Boden. Durch das schreckliche Donnern bekommt Sebastian noch mehr Panik und hat nichts anderes im Sinn, als noch mehr Energie in seinen Ausreißversuch zu setzen, doch ist er durch das Nackenverbindungsseil gestoppt. Kadesch liegt da wie ein Gefangener. Er ist nicht mehr in der Lage aufzustehen, da sich beide Vorderfüße mit den Hoppeln um den Black Boy gewickelt haben. Noch dazu hat ihn das Gewicht des Sattels zur Seite umgerissen und hält ihn so in einer grotesken Haltung am Boden genagelt. Da Sebastian mit der Kraft der Panik zieht spannt sich das Nackenseil. Der Hals von Kadesch wird immer länger und es kann nicht mehr lange dauern, bis er in zwei Hälften bricht. Plötzlich reißt die Nasenleine und das Halfterverbindungsseil an den von uns eingebauten Sollbruchstellen, doch das Nackenverbindungsseil bleibt gespannt. “Um Gottes Willen! Ein Messer, schnell ein Messer!” Brülle ich. Mit der linken Hand versuche ich die Nasen und Führungsleine von Sebastian zu halten um mit der rechten hole ich mein Messer aus der Gürteltasche. Es kann nur noch Sekunden dauern bis die Halswirbel von Kadesch unter dem gewaltigen Druck des Seiles nachgeben. Noch ehe ich das Seil mit dem Messer trennen kann ist Jo schon zur Stelle und zerschneidet es mit ihrem Messer und zwar an einer Stelle die es nicht komplett unbrauchbar macht. Augenblicklich ist Kadesch außer Lebensgefahr doch wird er immer noch von dem Nackenriemen des Sattels halb stranguliert. Kadesch schleudert seinen Kopf hin und her und obwohl es äußerst gefährlich ist in seine Reichweite zu kommen löst Jo den Nackenriemen. Noch sind die Vorderbeine von Kadesch um den Grasbaum gewickelt und noch hält ihm der schwer beladene Sattel auf dem Waldboden. Er sieht aus wie gekreuzigt und kann sich kaum bewegen. Da die Verbindungsseile zu Sebastian durchtrennt sind kann ich jetzt Jo besser helfen. Jo öffnet unter der enormen Gefahr von Kadesch schrecklich getreten zu werden die Beinhoppeln, ohne damit aufzuhören, auf ihn beruhigend einzureden. Dann öffnet sie die Bauchriemen des Sattels und wir beide heben und schieben den Sattel mit Taschen über seinen Höcker. Endlich ist Kadesch frei. “Epna! Epna!”, befehle ich ihm und er steht etwas benommen auf. Als wäre nichts gewesen bleibt er ruhig stehen und gibt uns so die Gelegenheit ihn auf Verletzungen zu untersuchen. Wir sind erleichtert, dass er dieses Drama ohne den kleinsten Kratzer überstanden hat und wir vermuten, dass dieser Unfall eine gewaltige Lektion für Kadesch ist. “Ich denke, dass er sich in Zukunft schwer überlegen wird, ob er nach dem Beladen noch mal so durchdreht.”, meint Jo und lacht erleichtert auf.

Für heute haben wir erst mal die Nase voll. Wir entladen Sebastian und Jo und Tanja gehen zum Kamelehüten. Morgen werden wir den gesamten Tag benötigen um den entstandenen Schaden zu reparieren und um einige Veränderungen an den Sätteln durchzuführen.

Tag: 04

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