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Ein Tag zwischen Höhen und Tiefen

Zweites-Camp — 17.05.2000

Wie gerädert verlasse ich unser Zelt. Wieder baue ich unser Lager ab und wieder schleppen wir die Ausrüstung zum Ladeplatz. Gott sei Dank haben wir einen Großteil der Ausrüstung schon gewogen und gestern bereits neben die jeweiligen Sättel gelegt. Wir sind entschieden schneller, trotzdem dauert es geschlagene 7 Stunden bis all unsere Kamele geladen sind und es so aussieht als könnten wir aufbrechen. Jo, Tanja und ich wollen jetzt nur eins und das ist diesen Lagerplatz verlassen. “Sollen wir die Beinseile lösen?” fragt Jo. “Ja!” antworte ich wie immer aufgeregt. Kadesch den Jo jetzt immer öfter auch “Goola Badoola” nennt, hat wieder einen großen Teil seines kostbaren Fressens hinter sich gesetzt und verstreut es mit seinem nach oben schleudernden Schwanz über unsere Köpfe. Normalerweise werden die Beinseile vom letzten bis zum ersten Kamel geöffnet, doch machen wir im Anfangsstadium eine Ausnahme. So kommt es, dass jetzt alle Kamele bis auf Kadesch ohne Beinseile dasitzen. Endlich ist Kadesch an der Reihe. Jo spricht wieder unaufhörlich auf ihn ein während sie die höchst gefährliche Arbeit durchführt und seine Beinseile öffnet. Ich halte wieder Sebastian und aus Sicherheitsgründen habe ich meinen Fuß auf seinem Oberschenkel um ihn so zumindest Symbolisch zu zeigen, dass er nicht aufstehen kann. Aufgeregt warten wir auf den Moment und auf die Reaktion von Kadesch wenn seine Beinseile geöffnet sind. “Jetzt!” ruft Jo, womit sie mir befiehlt Sebastian aufstehen zu lassen. Kadesch springt wieder explosionsartig nach oben und alle anderen folgen seinem Beispiel. Innerhalb eines kaum wahrzunehmenden Augenblick stehen alle Kamele auf den Beinen und beginnen nervös vorwärts zu laufen. Istan, der Letzte in der Reihe, bekommt es mit der Angst zu tun und macht einige wilde Bocksprünge. “Schnell Denis führe sie in einem Kreis!” ruft Jo worauf ich ihren Anweisungen sofort folge. Es kracht und Istan hat seine Hoppeln zersprengt. Sofort läuft Jo zu mir und übernimmt den nervösen Kamelzug. Istan beruhigt sich wieder, doch hat er keine Hoppeln mehr und ist dadurch schneller als die anderen. Kadesch bleibt mehr oder weniger im Glied. Anscheinend hat er tatsächlich eine Lehre aus dem kürzlichen Unfall gezogen, worauf uns ein Stein vom Herzen fällt. “Schnell Denis lauf voraus und zeige mir einen Weg durch das Buschwerk!” ruft Jo. Ich sprinte nach vorne und räume auf den Boden liegende Äste und kleinere Stämme auf die Seite damit keines der Kamele darüber stolpert. Durch die Hoppel kommen sie mir vor wir eine Sträflingsgruppe. Schnell bewegen sie ihre Vorderbeinen hin und her um durch das Unterholz laufen zu können.

Da Jo und ich mit der Karawane beschäftigt sind muss Tanja wieder filmen. Sie protestiert zwar aber ohne Film und Bilder können wir diese Expedition mit ihren Anfangsschwierigkeiten nicht dokumentieren und ohne Dokumentation können wir solche Projekte nicht finanzieren. Gott sei Dank ist Jo bei uns, nur dadurch besitzen wir die Möglichkeit einen Teil der Reise festzuhalten. Etwa 10 Minuten schlagen wir uns im Zick Zack und Kreisen durch den Eukalyptuswald, bis wir uns wieder auf den Heritagetrail wagen. Auf dem historischen Weg der rechts und links von Buschwerk eingegrenzt ist beruhigt sich der Kamelzug etwas doch sind die Wüstentiere nach wie vor unter Hochspannung. Sie drehen ihre Köpfe in alle Richtungen, zerren an den Nasenleinen und versuchen sich gegenseitig zu überholen, aber trotz der enormen Belastung sind wir stolz auf uns, alle bisher da gewesenen Schwierigkeiten gemeistert zu haben. Tanja und ich gehen mehr rückwärts als vorwärts, immer die Karawane im Auge behaltend.

“Nicht links neben mir laufen!” Mahnt mich Jo, worauf sie erklärt, dass sie die Kamele in einen Linkskreis führen muss sollten sie durchgehen und sie mich dabei leicht überrennen könnten. So eilen wir in einer Geschwindigkeit zwischen 6 und 7 Stundenkilometer den Weg entlang. Jo hat Schwierigkeiten Sebastian zu bremsen weil ihm Kadesch dicht aufläuft. Auch Hardie gibt alles um Kadesch links zu überholen, wobei sich seine Nasenleine in die Länge dehnt.Die Nasenleinen haben wir übrigens aus einem alten Autoschlauch gefertigt. Jo und Tanja schnitten während der Vorbereitungszeit etwa 15 Zentimeter lange und einen Zentimeter breite Streifen aus einem Schlauch. Dieser Gummistreifen bildet nun das Zentrum der Nasenleine und kann im Notfall reißen. Somit ist gewährleistet, dass der Nasenpflock während eines Notfalles nicht aus der Kamelnase gerissen wird und eine schreckliche Wunde verursacht.

Da der Heritagetrail auch von einigen Farmautos benutzt wird laufe ich jetzt dem Kamelzug hinterher um sie rechtzeitig zu stoppen. Tanja eilt voraus um alles was von vorne kommt aufzuhalten. Somit besitzen wir die Möglichkeit die eine oder andere Gefahr schon im Vorfeld zu entschärfen. Nach etwa einer viertel Stunde wagen wir es den Kamelen die Hoppeln abzunehmen. Natürlich besteht die Gefahr das sie alle zusammen wie eine Lawine davonrasen doch irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen sie unter normalen Bedingungen gehen zu lassen. Da die Kamele jetzt nach unserer Meinung ihre Angst einigermaßen im Griff haben befreien wir sie davon und sind froh das alles gut geht.

In den nächsten 20 Minuten müssen wir zwei Asphaltstraßen überqueren Auch das geht gut, denn gerade in diesem Augenblick rast keines der Autos um die Kurve um unsere Tiere zu erschrecken. Unsere Gefühle schwanken zwischen Euphorie und Angst. Plötzlich kommt uns ein Jeep auf dem schmalen Weg entgegen. Tanja stoppt ihn und spricht mit dem offensichtlich angetrunkenen Fahrer. Er ist freundlich und wartet bis Jo die Karawane neben den Weg in den Busch führt. Sie muss allerdings einen kleinen Graben überqueren. Sebastian der seine neue Ladung noch nicht gewohnt ist rutscht aus. Um sein Gleichgewicht halten zu können schreitet er mit seinem linken Vorderbein weit nach vorne und tritt Jo ausversehen gegen die Wade, rutscht mit seinen Zehen an ihr ab und kommt zum stehen. Jo gibt keine Laut von sich und läuft weiter.

Um ca. 16 Uhr 30, also schon 1 ½ Stunden nach unserem Aufbruch finden wir einen Lagerplatz zwischen dem Great Eastern Highway und einem Zaun. Wir entladen die Kamele und während ich die Zelte aufbaue und Holz für die Feuerstelle sammle hüten Jo und Tanja die Kamele. Als das Feuer brennt kommen die Beiden zurück. Jo klagt jetzt ein wenig über die Schmerzen an ihrem Bein. Ich sehe es mir an und erschrecke über die relativ starke Schwellung am Knöchel. Ich behandle die Schwellung mit einer entzündungshemmenden Salbe, lege einen Verband an und hoffe, dass die Bänder am Knöchel nichts abbekommen haben. Schon um 21 Uhr gehen Tanja und Jo in ihre Zelte. Die Kälte der Nacht legt sich über unser Camp 2. Ich lege noch ein paar trockene Äste aufs Feuer und beginne meine täglichen Navigationsaufzeichnungen in ein Heft einzutragen. Der Vollmond wirft seine kalten Strahlen durch das Geäst eines toten Baumes. Ich genieße es hier draußen zu sitzen und lausche den dröhnenden Motoren der vorbeidonnernden Roadtrains die West und Ostaustralien wie eine Ameisenarmada verbinden.Obwohl wir heute nur 7 Kilometer vorangekommen sind, war es bis auf Jo‘s Verletzung für uns ein sehr erfolgreicher Tag. Zufrieden mit uns und den Kamelen schreibe ich diese Eintragungen. Um 22 Uhr krieche ich fröstelnd und todmüde in meinen Schlafsack.

Tag: 06

Sonnenaufgang:
06:56

Sonnenuntergang:
17:24

Luftlinie:
06,97

Tageskilometer:
07

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