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Sandsturm

Jingymia-Camp — 14.06.2000

In Windeseile schaffen wir es unsere Tiere zu beladen. Um zu sehen ob Hardie lieber hinter Sebastian als hinter Goola läuft, darf er heute der Zweite in der Karawane sein. Vielleicht will er Sebastian nicht links überholen wodurch die gesamte Karawane ruhiger würde. Wir kommen um 9 Uhr 30 los, welches wieder neue Bestzeit ist. Das Wetter zeigt sich an diesem Tag von einer bisher unbekannten Seite. Dunkle Wolken ziehen über uns hinweg und der Wind trifft uns mit beachtlicher Kraft von der Seite. Manche der Böen sind so stark, dass es uns bald von den Füßen reißt. Riesige Staubwolken rasen über das Land und hüllen alles in ein schmutziges Grau. Am Nachmittag färben sich die bedrohlich aussehenden Regenwolken wie die umliegenden Felder in ein nahezu dunkles Braun. Staunend beobachte ich dieses Phänomen. Noch nie in meinem Reiseleben habe ich so eine Himmelsfärbung gesehen. Wir gehen in eiligen Schritten weiter. Die Umsetzung von Hardie hat nichts an der Situation geändert. Noch immer scheint es als wolle Sebastian auf ein goldenes Treppchen der Olympiade in Sydney steigen. Gegen Nachmittag müssen wir die Straße überqueren und durch eines der Zauntore schreiten, welche die Schafherden davon abhalten auf die Fahrbahn zu gelangen. Wir befinden uns nun auf einer der riesigen Farmen. Weit und breit ist kein Zaun mehr zu sehen. Es ist angenehm nicht mehr von einer, von Menschenhand geschaffenen Grenze eingeengt zu sein. Überall auf dem nackten Boden sind in einzelnen Gruppen Schafe zu erkennen. Wir folgen einem Weg auf dem die Ausscheidungen dieser Tiere wie Schotter verstreut liegen. Die Augen auf dem Grund gehaftet, schütze ich mich vor den Staubböen die alle paar Sekunden uns und die Karawane wie mit einem Schleier bedecken. Hoffentlich wird der Wind nicht stärker, denn dann benötigen wir einen sicheren Unterschlupf. Tanja und Jo folgen dem schnell dahin eilenden Kamelzug in vorgebeugter Haltung. Sebastian brüllt von Zeit zu Zeit kurz auf. Ob er irgendwo Schmerzen hat? Ich sehe auf und werfe einen kurzen Blick auf seinen großen Kopf. Irgendwie wirkt der Kamelzug in dieser Landschaft eigenwillig, ja fast gespenstisch. Obwohl mir der Sandsturm ein wenig Angst einjagt genieße ich den befremdlichen Augenblick und sauge die Bilder des Geschehens regelrecht in mich auf.

Um 16 Uhr finden wir wieder einen Übernachtungsplatz. Kaum lasse ich die Kamele absetzen beginnt es zu regnen. Wie die aufgescheuchten Bienen sprinten wir hin und her, laden die Tiere ab, schleppen die Küchenbox an die, von mir ausgesuchte Feuerstelle und ziehen uns die Regenhäute über den Kopf. Der Himmel öffnet seine Schleusen und das, eben noch interessante Wetter wird richtig ekelhaft. Mit dem letzten trocknen Ästen entfachen wir ein Feuer, um Wasser für unser Abendessen zu kochen. Nachdem die Kamele an einem relativ windgeschützten Ort angebunden sind sitzen wir um das wärmende Feuer. Wir trinken eine Tasse heißen Tee und essen einen Kartoffelbrei mit Gemüse. Schon nach wenigen Löffeln ist die Mahlzeit kalt. Der immer noch anhaltende starke Wind und der strömende Regen durchnässen alles in kurzer Zeit. Auch wir spüren trotz des Feuers wie uns die Feuchtigkeit in die Glieder kriecht und suchen bereits um 18 Uhr Schutz in unseren Zelten. Ich nutze die Gelegenheit um das, von mir geschriebene Update Tanja vorzulesen. Immer, wenn wir die Zeit finden ist dieser Augenblick für uns etwas besonderes. Aufmerksam lauscht Tanja der Erzählung und nicht selten können wir selbst nicht glauben was schon wieder alles geschehen ist. Oft müssen wir zusammen herzhaft lachen, manchmal sind wir auch traurig und als ich Tanja die Geschichte von unserem Shiron vorlese laufen ihr die Tränen über die Wangen. Als sich Tanja dann um 21 Uhr 30 zum Schlafen auf die Seite dreht habe ich noch einiges wichtiges zu tun.

DAS HÄRTESTE INTERVIEW IN MEINEN BISHERIGEM LEBEN

Gerade heute bei diesem scheußlichen Wetter habe ich ein Interview zu der lokalen RTL Fernsehstation in Nürnberg unserer Heimatstadt. Mike, unser Freund und Manager hat mit dem Sender den Zeitpunkt vereinbart. Für deutsche Verhältnisse ist 18 Uhr 12 kein Problem doch für uns hier in Australien bedeutet das 24 Uhr 12.

Mich graust es bei dem Gedanken an das scheußliche, kalte Regenwetter, nach draußen gehen zu müssen, doch bekomme ich gerade heute im Zelt keinen Kontakt mit dem Satellitentelefon. Ich habe es in der Eile ausversehen vor einer Baumgruppe aufgestellt. Bäume, Sträucher und vor allem Berge und Hügel beeinträchtigen die Verbindung zu den Satelliten erheblich. Manchmal, wie in meiner jetzigen Situation, geht gar nichts. Leise fluchend streife ich mir den nassen Poncho über meinen schön trockenen Schlafanzug und trete in die feindselige Nacht. Schlotternd vor Kälte schlüpfe ich in die nassen Schlappen und schlurfe lustlos durch das ebenfalls nasse Gras. Als ich über den lehmig glitschigen Weg neben den Eisenbahnschienen schreite rutsche ich fast aus. Mein Gott warum mache ich das alles. Auf der anderen Seite des Weges ist die Sicht nach Nordosten offen. Ich stelle den wasserdichten Pelicankoffer ab, öffne ihn und hole die Antenne des Satphones heraus. Nachdem ich es eingeschaltet habe drehe ich die Antenne langsam von Nord nach Ost und erhalte plötzlich ein Empfangssignal. Zufrieden schalte ich das Telefon aus und schließe den Koffer. Ich lasse alles so stehen und der Schein meiner Stirnlampe findet den Weg zum Zelt zurück. Bibbernd und nass schlüpfe ich in meinen Schlafsack und versuche die nächsten eineinhalb Stunden zu schlafen, doch kann ich kein Auge schließen. Zu viele Gedanken kreuzen mein Gehirn.

Um 23 Uhr werde ich etwas müde, habe aber Angst das Piepen meiner Uhr zu überhören. Hellwach starre ich in das Schwarz der Nacht, bis der unangenehme Weckton mich auffahren lässt. Wieder schlüpfe ich in den nassen Poncho und verlasse das Zelt. Es ist kurz vor Mitternacht als ich den Poncho wie eine Glucke über das Satellitentelefon breite, um es vor dem Regen zu schützen. Ich hocke in äußerst unbequemer Stellung auf meinen Fersen und warte auf den Anruf. Wenn sie mich vergessen haben gebe ich nie mehr um diese halsbrecherische Zeit ein Interview, schwöre ich mir selbst und kämpfe gegen einen aufkommenden Krampf im Oberschenkel. Die Stirn auf meine Hände gestützt beobachte ich die Anzeige des Telefons. Plötzlich fällt mein Blick auf die Batterieanzeige. Oh Gott der Pegel ist von 80 auf 20 Prozent gefallen. Da meine Ersatzbatterie ebenfalls leer ist überlege ich krampfhaft ob genug Zeit vorhanden ist ins Camp zurückzugehen um unsere große Basisbatterie zu holen. Nervös sehe ich auf meine Uhr. Noch vier Minuten bis zum vereinbarten Termin. Mein Gott hoffentlich war der ganze Aufwand nicht umsonst. Ich entschließe mich das Risiko einzugehen und haste über den glitschig lehmigen Boden und das nasse Gras zum Lagerplatz. Schnell schnappe ich mir die 20 Kilo schwere Autobatterie und rase, so flink es die Umstände zulassen zum Telefon zurück. Sofort schließe ich die große Batterie an und bin zufrieden als die Anzeige auf Laden umschaltet. Puhh noch 1 Minute bis zum Termin. Kaum atme ich auf, klingelt es schon. “Hallo Denis! Wie geht es dir in Australien?” fragt Elke, die Produzentin der Sendung. “Na ja den Umständen entsprechend. Ich friere fürchterlich!” rufe ich in den Hörer, um gut verstanden zu werden. Doch bevor ich in der Lage bin mehr zu erzählen, unterbricht mich Elke. “Wir rufen dich in 10 Minuten noch mal an. Dann geht es direkt auf Sendung. Das war nur ein Testanruf um die Leitung zu checken!” “Geht es nicht früher?”, frage ich gegen den aufkommenden Krampf im Oberschenkel ankämpfend. “Nein!”, vernehme ich ihre Stimme und beiße mir auf die Lippen um gegen den Schmerz anzukämpfen. Plötzlich höre ich das Besetztzeichen und die Verbindung ist abgebrochen. "Das halte ich nicht mehr aus!, schimpfe ich laut und suche verzweifelt nach einer Möglichkeit mich irgendwie zu setzen. Dann ziehe ich die ebenfalls nasse Batterie unter den Poncho und lasse mich erleichtert darauf nieder. Um 24 Uhr 20 klingelt das Telefon wieder. Es fällt mir schwer zuversichtlich zu klingen und meine bibbernde Stimme unter Kontrolle zu halten. Als mich der Moderator nach dem Wetter und der Zeit fragt, glaube ich sogar recht authentisch zu klingen. Als wir uns dann voneinander verabschieden bin ich ein glücklicher Mensch. Schnell eile ich zu unserem Zelt und krieche in den wärmenden Schlafsack. Ich bin jedoch so aufgewühlt, dass ich noch einige Stunden wach liege. Viel denke ich darüber nach ob wir schon fit genug sind, ohne Jo weiter zu reisen. Sie hat uns darauf angesprochen und gefragt ob sie uns ab Cleary alleine lassen kann. Nach ihrer Meinung ist die Ausbildung zum Kamelmann oder Frau abgeschlossen. Natürlich denken wir es jetzt auch ohne sie schaffen zu können, doch wird es uns nicht leicht fallen, sie nicht mehr bei uns zu wissen. Nach all den Gedanken, dem aufregenden Interview und was die Zukunft bringen wird, falle ich erst um 3 Uhr früh in einen leichten Schlaf.

Tag: 34

Sonnenaufgang:
07:05

Sonnenuntergang:
17:16

Luftlinie:
22,1

Tageskilometer:
25

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