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Warum die Sättel wie Maßschuhe passen müssen

Cleary-Herz-Camp — 15.06.2000

Nach der schrecklichen Nacht klärt sich das Wetter ein wenig auf. Um das nasse Camp zusammenzupacken benötigen wir eine Stunde länger als in den letzten Tagen. Trotzdem schaffen wir es, bis 11 Uhr wieder unterwegs zu sein. Der lehmige Weg neben der Eisenbahnlinie ist für die Kamelfüße zu glatt. Immer wieder rutschen sie mit ihren tapsigen Füßen aus, worauf wir uns entscheiden auf der nahen, kaum befahrenen Straße zu gehen. Jo und Tanja laufen wieder hinter der Karawane, um mich vor nahenden Fahrzeugen zu warnen. Wir kommen gut voran und den Tieren scheint der grobe Asphalt zu gefallen. “Car! Car!”, höre ich Tanjas Warnruf.

Es ist 14 Uhr Nachmittags als Tom und sein Freund Petro auf uns treffen. Ich stoppe die Karawane um die beiden zu begrüßen. Wie immer ist es ein schönes Wiedersehen und man könnte glauben, dass bereits Wochen vergangen sind, als wir uns das letzte Mal sahen. Tom läuft ein Stück neben den Kamelen her um mit seinem fachmännischen Auge zu prüfen was an der Sattelkonstruktion nicht stimmt. “Keine Frage, die Taschen hängen zu tief!”, sagt er schon nach wenigen Minuten. Wir beschließen, dies am nächsten Tag im Camp genauer durchzusprechen. Bis jetzt sind wir erst eineinhalb Fahrstunden von Goomalling entfernt und sollten wir die Sättel noch mal umbauen müssen ist hier die letzte Möglichkeit. Es liegt mir am Herzen an dieser Stelle zu erklären warum es so wichtig ist die perfekt passenden Sättel für unsere Kamele zu besitzen.

Wenn die schwere Ladung nicht hundertprozentig gleichmäßig auf den Kamelrücken verteilt ist bekommen sie Druckstellen. Druckstellen und wenn sie noch so klein sind, haben im Laufe der Zeit die Eigenschaft sich zu einem massiven Problem zu entwickeln. Die Tiere können sich dann innerhalb nur weniger Tage offene Wunden laufen. Auf die Wunde setzen sich dann Fliegen, um ihre Eier abzulegen. Daraus schlüpfen Maden die sich in das Fleisch der Tiere hineinfressen. Die Verletzung hat so kaum die Chance zu heilen. Auch holen sich die Kamele die verschiedensten Verspannungen, vergleichbar mit den Menschen. Diese können sich zu schweren Rücken oder Gelenkproblemen entwickeln. Natürlich gibt es noch viele andere Beispiele, doch diese erklären hoffentlich warum wir so dahinter her sind die richtige Ausrüstung für die Tiere zu konstruieren. Auch ist mir wichtig hier noch mal zu erwähnen, dass wir noch mindestens 6800 Kilometer Outback vor uns haben. Sollte nur eines der Kamele auf Grund anfänglicher Fahrlässigkeit krank werden, um dann vielleicht noch zu sterben ist trotz der Verbindungsmöglichkeit zur Außenwelt unser eigenes Leben gefährdet. Die Sättel die Verne gebaut hat sind mittlerweile schon mehrfach überarbeitet und passen immer noch nicht. Leider haben wir durch diese Problematik viel wichtige Zeit verloren, durften aber auf der anderen Seite viel lernen.

EINE BESONDERE ÜBERRASCHUNG

Tom und Petro fahren voraus und finden für uns einen wunderschönen Lagerplatz. Alle Kriterien sind erfüllt. Der Platz ist von der Straße nicht einsehbar, es gibt genügend Futter für die Kamele, genügend Feuerholz und Bäume, um die Antenne des Funkradios in Richtung Süden auszurichten und aufzuhängen und auf der anderen Seite freuen wir uns über die offene Sicht nach Nordosten, um unser Satellitentelefon auszurichten.

Um 17 Uhr 15 erreichen auch wir unser Wochenziel Cleary. Wir sind zufrieden, denn in den letzten 5 Tagen konnten wir 111 Laufkilometer zurücklegen. Sollten wir diese Geschwindigkeit durchhalten werden wir Broome rechtzeitig erreichen. Leider kam in den letzten Wochen und Monaten so enorm viel zwischen unsere Planung, dass wir nur hoffen können, dass weiterhin alles gut geht. Abends am Lagerfeuer herrscht eine ausgelassene Stimmung. Tom und Petro haben Lammkotelett und italienische Würste mitgebracht, die gerade auf dem Grill brutzeln. Auch trinken wir einige Bier die wirklich köstlich schmecken. Tom packt dann eine ganz besondere Überraschung aus. Er überreicht mir ein DinA4 großes Paket. Schnell und aufgeregt packe ich es aus und glaube meinen Augen nicht zu trauen. Es ist unser Buch über die Vorbereitung zur Red Earth Expedition. Strahlend vor Glück halte ich es in meinen Händen. “7000 Km zu Fuß durch Australiens Outback” ist der Titel. Herausgegeben hat es wieder der Burgschmiet Verlag. Bisher haben Tanja und ich nur eine Kopie davon gesehen und jetzt, 6 Wochen nach der Herausgabe, bekomme ich es hier an dem züngelnden Lagerfeuer von einem Freund überreicht. Im Schein des Vollmondes, der Milchstraße und des Feuers macht es die Runde. Es war nicht einfach einen Teil unserer Erlebnisse schon während der Expedition in Buchform zu bringen. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass so etwas schon zum Zeitpunkt der Expedition machbar ist, doch der Schatz in meinen Händen beweist uns das Gegenteil.

Als dann alle zu Bett gegangen sind unterhalte ich mich noch ein wenig mit Petro. Er hat seine Basis in Perth aufgegeben und wird für die nächsten Jahre mit seinem treuen Hund und einem speziell präparierten Landcruiser durch Australien ziehen. “Ich werde immer Geld verdienen. Als Installateur geht mir die Arbeit hier in Australien nie aus. Wahrscheinlich werde ich mein Talent als Songschreiber noch mehr ausbauen und in den verschiedensten Pups mit meiner Gitarre auftreten.”, erzählt er mit seiner angenehmen tiefen Stimme. Das Flackern der Flammen beleuchtet sein lebensfrohes Gesicht und es stimmt mich glücklich den äußerst sympathischen Mann kennengelernt zu haben.

Tag: 35

Sonnenaufgang:
07:04

Sonnenuntergang:
17:15

Luftlinie:
22,6

Tageskilometer:
26

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